PODERE CANCELLI - Teil 2 - die Verhandlung und einige Überraschungen

 

 

 

Als vernünftige Menschen die wir sind (hahaha) hatten wir uns einige Zeit genommen, um in Ruhe über "Cancelli oder nicht Cancelli" nachzudenken. An ein "nicht" war aber irgendwie gar nicht zu denken. Also sind wir im Juni 2017 wieder hingefahren, um mit dem Eigentümer in Verhandlung zu treten. 

 

 

 

 

 

16. Juni 2017

 

Ich hatte mich sehr früh aus dem Bett bewegt, um das Podere bei einem richtigen Sommer-Sonnenaufgang zu erleben. Dazu fuhr ich auf einen im westen benachbarten Hügel, der meiner Recherche zufolge dem Sonnenaufgang gegenüber liegen müsste. Dort oben angekommen bot sich mir ein eher unspektakulärer Anblick, die dichte Wolkendecke dämpfte meine Erwartungen doch erheblich. Aber noch war es ja dunkel, mal schauen was sich so tut. Ich baute Stativ und Kamera auf und wartete. Irgendwann zeigte sich dann das erste bisschen Sonne über der östlichen Hügelkette, und ich bin fast aus den Latschen gekippt: Von einem Moment auf den anderen hat sich das gesamte Tal rund um den Cancelli- Hügel mit Nebel gefüllt, von unten nach oben, wie ein ganz schnell ansteigendes weißes Meer. Urplötzlich waren vom Podere Cancelli nur noch die Gebäude und die Bäume zu sehen, als stünden sie auf einer winzig kleinen Insel. Ich war vollkommen überwältigt und dazu auch noch komplett geblendet von der plötzlichen gleißenden Helligkeit. Stichwort geblendet - es war tatsächlich ganz schön schwierig, unter diesen Umständen ein einigermaßen ansprechendes Bild zu machen...  

 

 

 

Podere Cancelli am Junimorgen: Kleine Insel im weißen Meer
Podere Cancelli am Junimorgen: Kleine Insel im weißen Meer
Junimorgen im Val D'Orcia: Podere Cancelli als kleine Insel im weißen Meer
Junimorgen im Val D'Orcia: Podere Cancelli als kleine Insel im weißen Meer

 

 

Das Spektakel hatte nur rund eine Viertelstunde gedauert. Als die Sonne eine bestimmte Höhe erreichte, verschwand der Nebel wie von Zauberhand ganz plötzlich wieder. Ich glaube, ich stand danach noch fast eine Stunde dort oben herum, völlig fassunglos ;-)

 

 

 

15 Minuten später hatte sich der ganze Nebel wieder in nichts aufgelöst
15 Minuten später hatte sich der ganze Nebel wieder in nichts aufgelöst

 

 

 

 

Später am Tag haben wir dann unser Kaufangebot abgegeben, wobei die darin stehende Zahl nicht weniger als blankes Entsetzen bei Eigentümer und Makler ausgelöst hat. Aber wir hatten schon fleißige Vorarbeit  geleistet und wussten, wie die Marktlage war und vor allem, wieviel wir uns leisten konnten ;-)

 

Am Abend haben wir uns dann mit einer gigantischen Pizza in unserer Lieblingspizzeria in San Quirico D'Orcia "La Officina del Gusto" selbst für unseren Mut belohnt.

 

 

Pizza in der Officina del Gusto, San Quirico D'Orcia
Pizza in der Officina del Gusto, San Quirico D'Orcia

 

 

 

Danach begann die Zeit des Wartens... unser Angebot war ja "völlig inakzeptabel". Der Eigentümer hüllte sich in schweigen, und wir wollten bzw. durften natürlich aus verhandlungstaktischen Gründen auch nicht ständig nachfragen. Das fiel uns echt schwer... Erst wenige Tage vor Weihnachten erlaubte ich mir, eine "diplomatische" Erhöhung des Angebots zu senden, und siehe da, plötzlich waren wir uns einig!

 

 

 

 

 

28. Februar 2018

 

Nach einigem hin und her via Email und Skype bin ich dann Ende Februar nach San Quirico gefahren, um die letzten Details zu klären und Nägel mit Köpfen zu machen. Und ein weiteres mal hat mich die Toskana völlig aus den Socken gehauen, diesmal jedoch auf eine ganz andere Art: Es war schweinskalt! Ausgerechnet an den Tagen hatte ich eine Kälteperiode erwischt, die es dort seit Jahrzehnten nicht in der Art gegeben hatte. Das ganze Val D'Orcia war schneebedeckt. Nächtliche Tiefsttemperaturen von minus acht bis minus dreizehn Grad hatte mir mein Auto angezeigt!

 

 

Die bekannte Zypressengruppe, im absolut ungewohnten verschneiten Anblick
Die bekannte Zypressengruppe, im absolut ungewohnten verschneiten Anblick

 

 

Am Podere sah es nicht viel wärmer aus, minus acht Grad waren es an diesem Morgen, dazu ein netter frischer Wind.

 

Podere Cancelli im Winterkleid, ein seltener Anblick
Podere Cancelli im Winterkleid, ein seltener Anblick

 

 

Ein sehr schönes Erlebnis hatte ich dennoch, obwohl ich halb erfroren war: Als ich am Podere ankam und um das Hauptgebäude lief, kam mir ein winzig kleiner Kauz aus unserer zukünftigen Speisekammer entgegen. Ich habe gleich nachgesehen, jedoch keine Anzeichen gefunden, dass er dort drinnen wohnt. Ich muss zum Glück also kein schlechtes Gewissen im Hinblick auf eine zukünftige Renovierung haben ;-)

 

 

 

 

1. März 2018

 

Alle Gespräche sind gut verlaufen, wenn auch sehr "italienisch" umfangreich und Ausdauer erfordernd. Zum Glück hatte ich Unterstützung durch meinen lieben Freund Mario, so konnte ich zwischendurch manchmal Luft holen oder auch rückfragen und mich vergewissern, dass ich alles richtig begriffen hatte.

 

Als nächsten Schritt müssen nun seitens der Eigentümer sämtliche Unterlagen bereitgestellt werden, um dann den notariellen Vorvertrag auf die Beine stellen zu können. 

 

 

 

 

 

21. Juni 2018

 

Da wir auf dem Anwesen nicht nur leben, sondern auch tatsächlich Landwirtschaft betreiben wollen, müssen wir das beantragen und den zuständigen Behörden ein schlüssiges Konzept vorlegen. Allerdings existieren in Italien rund zehn mal so viele Gesetze, Vorschriften und Regeln gibt wie in Deutschland (ja, ist tatsächlich so!). Es wäre es ein aussichtsloses Unterfangen, sich selbst an den Anträgen und Genehmigungen zu versuchen. Auf Empfehlung unserer Maklerin haben wir hierzu die Agronoma (Agrarexpertin/ Agraringenieurin) Rosanna Zari beauftragt.

 

Um alles mit ihr zu besprechen, bin ich im Juni wieder zum Podere gefahren. Dabei habe ich es erstmalig auch auf der östlichen Seite "umrundet", was gar nicht so einfach war. Ich habe einige Kilometer auf den buckligen, staubigen Kiesstraßen abgefahren, bis ich einen Standort mit Ausblick auf's Podere gefunden habe.

 

 

 

Podere Cancelli von südosten, von einem sehr weit entfernten Standpunkt aus, mit 500mm an APS-C/ DX- Kamera
Podere Cancelli von südosten, von einem sehr weit entfernten Standpunkt aus, mit 500mm an APS-C/ DX- Kamera

 

Unter dieser wunderschönen Traubeneiche stand ich, als ich die Fern- Aufnahme gemacht habe. Rechts im Bild sieht man ganz klein unseren Steilhang. Das Podere selbst befindet sich hinter dem Busch am rechten Bildrand.

 

 

 

Noch etwas ganz wichtiges haben wir bei dem Treffen um Juni 2018 gemanaged: Die Land- Vermessung und die Markierung der Grenzen. Maurizio und seiner Familie gehört ja wesentlich mehr Land, und wir kaufen "nur" unseren Hügel mit den Gebäuden drauf. Irgendwie muss ja festgelegt werden, bis wohin in Zukunft jedem sein Besitz geht. Die Vermessungs- und Absteckungsaktion verlief wieder mal typisch italienisch: Einer der schwer arbeitet, das war in dem Fall der Vermessungsingenieur mit seinem GPS- Gerät. Er lief zur Mittagszeit in brütender Hitze das gesamte(!) Gelände ab. Dazu kamen vier Personen, die ihm zuschauten und gescheit daherredeten. Das waren wir anderen, Maurizio, Makler, Agraringenieurin und ich. Erschwerend kam noch dazu, dass dieser verrückte Deutsche (ich) darauf bestand, dass die Grenzen nicht praktisch- geradlinig, sondern harmonisch- organisch- geschwungen verlaufen. Wenn schon, denn schon. Damit hätte ich die ganze Gesellschaft fast in den Wahnsinn getrieben... ;-) Der arme Vermesser war danach komplett nassgeschwitzt und es fiel mir extrem schwer, das nicht fotografisch zu dokumentieren.

 

Jedenfalls haben wir es gemeinsam perfekt hinbekommen, unser gesamtes Anwesen hat 10,4 Hektar bzw. genau 104.036  Quadratmeter, einschließlich unserer eigenen Zufahrtsstraße, die bald eine typische supercoole Zypressenallee sein wird, siehe Bild etwas weiter unten!

 

 

 

22. Juni 2018

 

Da sämtliche Termine natürlich tagsüber stattgefunden haben und es Sommer war, blieb genug Zeit um die nähere Umgebung bei Sonnenauf- und Untergang ein bisschen zu dokumentieren. Hier zum Beispiel der malerische Kurort Bagno Vignoni mit seiner Thermalquelle, das nur wenige Minuten von unserem Podere entfernt liegt.  

 

Thermalquelle in Bagno Vignoni, Val D'Orcia
Thermalquelle in Bagno Vignoni, Val D'Orcia
Auch das Podere "Poggio Covili" befindet sich in der unmittelbaren Umgebung. Genau SO wird auch unsere Auffahrt bald aussehen ;-)
Auch das Podere "Poggio Covili" befindet sich in der unmittelbaren Umgebung. Genau SO wird auch unsere Auffahrt bald aussehen ;-)
Und natürlich der Toskana-Evergreen, das Podere Belvedere. Wir sind ja sozusagen schon fast Nachbarn ;-)
Und natürlich der Toskana-Evergreen, das Podere Belvedere. Wir sind ja sozusagen schon fast Nachbarn ;-)

 

 

Wenn man ein Stück Richtung Norden fährt, kommt man vom Val D'Orcia in die Region Crete Senesi, auch hier gibt es ganz malerische Landgüter, die im Prinzip so aussehen, wie wir uns auch unser neues Zuhause vorstellen. Zum Beispiel das Podere Baccoleno:

 

Crete Senesi, das Podere Baccoleno
Crete Senesi, das Podere Baccoleno

 

 

Jetzt aber genug abgeschweift, zurück zu unserem Cancelli. Das zusammenstellen der Unterlagen seitens des Verkäufers hat sich ganz schön in die Länge gezogen, dann kam der August und damit die in Italien heilige Urlaubszeit... dann der September, wo es bei uns zeitlich eng war... aber im Oktober 2018 war es dann tatsächlich so weit: Termin beim Notar in Siena. Vorvertrag unterschrieben, Anzahlung geleistet, unser Schicksal war besiegelt!

 

 

 

26. Oktober 2018

 

Das Wetter war traumhaft, wie eine milde Variante von Sommer, oder Frühling. Grün, blühende Blumen und Kräuterduft in der Luft. Obwohl wir uns ja nun schon seit eineinhalb Jahren gedanklich mit dem Projekt beschäftigen, war es nach dem Notartermin nochmal ein ganz anderes Gefühl über unsere (jetzt! UNSERE) Ländereien zu spazieren.

 

 

Die westliche Fassade ist noch am besten erhalten
Die westliche Fassade ist noch am besten erhalten
Inzwischen für uns schon ein vertrauter Anblick: Podere Cancelli von süden
Inzwischen für uns schon ein vertrauter Anblick: Podere Cancelli von süden
Dramatische Wolken überm Podere, aber mildes, warmes Herbstwetter
Dramatische Wolken überm Podere, aber mildes, warmes Herbstwetter

 

 

 

Ein weiteres mal hieß es Abschied nehmen. Ab jetzt arbeiten die von uns beauftragten Ingenieure. Die Teilung und Übertragung des Anwesens sowie der Ländereien werden bei den verschiedensten Behörden beantragt. Sobald die Teilung genehmigt und verbrieft ist, können wir mit der Renovierung des Haupthauses beginnen. Das wird voraussichtlich im April- Mai 2019 sein. Damit das alles klappt und reibungslos und zügig läuft, also sozusagen "Italy-Proof", werden wir zu diesem Zeitpunkt bereits dorthin ziehen und dort wohnen. Momentan bin ich dabei, uns ein "Tiny-House" aus Seecontainern zu entwerfen und dann auch zu bauen. 

 

 


 

 

Teil 3 in kürze!